Obwohl dieses biblische Konzept eindeutig belegbar ist, wird es in christlichen Kreisen kaum thematisiert. Eigentlich komisch. Man gewinnt den Eindruck, dass Konzepte wie die ewige Seligkeit und der Himmel viel wichtiger sind als das Anliegen Gottes, seine Regierung auf die Erde und in den Kosmos zu bringen.

Der Himmel spielt in der christlichen Volksfrömmigkeit eine große Rolle. Man denke nur an die vielen barocken Wandmalereien in Kirchen, auf denen die Erlösten mit den Engeln gelangweilt auf einer Wolke sitzen und ewig lang Harfe spielen. Abgesehen davon, dass dies kein biblisches Konzept ist, verstehe ich nicht, was an einem solchen Bild so attraktiv sein soll.

Wie Christus Gottes Reich wiederherstellt

In dem Brief an die Hebräer der Vater zu Jesus: „Sitze zu meiner Rechten, und ich werde deine Feinde zu einem Schemel unter deinen Füßen machen“ (Hebr. 1,13).

Das Vorhaben ist klar: Gott will die Rebellion im Universum beseitigen, indem er die Herrschaft an seinen Sohn übergibt. Dieser herrscht jedoch nicht allein mit den Engeln, sondern als „Herrscher über alle Könige der Erde“ (Offb 1,5b) macht er uns, sein Volk, zu „Königen und Priestern vor Gott, seinem Vater“ (Offb 1,6).

Mag sein, dass unsere eigene Errettung uns immer noch wichtiger erscheint – wir wollen schließlich nicht in der Hölle schmoren –, für Gott ist sie jedoch ein Nebenprodukt.

 

Eine Gleichnis Geschichte mit tiefgreifender Bedeutung

Ein Mann vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde zu erlangen und anschließend zurückzukehren. Er rief zehn seiner Diener zu sich, verteilte sein Vermögen unter ihnen und sagte: „Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme!” (Lk 19,12–13)

Wir würden Jesus heute dafür kritisieren, denn das war nicht politisch korrekt. Jeder wusste, wen er meinte. Um einen Vergleich zur heutigen Zeit zu ziehen, könnte man sagen: Ein Mann aus einem Kriegsgebiet bittet den amerikanischen Präsidenten um Hilfe gegen seine Feinde. Dieser lässt ihn jedoch abblitzen und übernimmt das Narrativ seines Widersachers.

So etwas kann man doch in einer biblischen Botschaft nicht sagen! Und dennoch tat es Jesus. Und wir werden sehen: Er sprengt noch weitere religiöse Konzepte, die wir uns zurechtgelegt haben.

Historischer Kontext

Herodes der Große hatte seinen Sohn Archelaos zu seinem Nachfolger bestimmt. Um diese Nachfolge jedoch tatsächlich antreten zu können, musste Archelaos seinen Herrschaftsanspruch vom römischen Kaiser bestätigen lassen. Das war jedoch keine einfache Sache, denn Archelaos hatte einen Bruder, der ebenfalls Herrscher werden wollte und beide sind in Rom aufgewachsen. Doch die Einwohner von Judäa waren gegen Archelaos, da er bei einem Aufstand 3.000 Juden im Tempel hatte niederschlagen lassen. Trotz dieser Proteste wurde Archelaos von Kaiser Augustus als Herrscher bestätigt.

Als Jesus dieses Gleichnis erzählte, war Archelaos jedoch schon längst nicht mehr an der Macht. Kaiser Augustus hatte ihn nach Frankreich verbannt, nachdem die Juden ihn verklagt hatten. Die äußere Erzählung in diesem Gleichnis ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Der Satz „Wir wollen nicht, dass dieser Mann unser König wird!” hat also einen historisch wahren Kern.

Der Mann von vornehmer Herkunft aus dem Gleichnis ist Jesus selbst. Gott selbst setzt Jesus Christus als König ein. Doch im Moment ist die Herrschaft Jesu Christi noch nicht vollkommen. Es gibt daher eine Art Zwischenzeit. Jesus ist in den Himmel aufgefahren und wird eines Tages als Alleinherrscher wiederkommen. 

Die Einwohner des Landes nutzen diese Zwischenzeit, um die Herrschaft des zukünftigen Königs zu verhindern. Die zehn Diener dieses Mannes leben und arbeiten also nicht in einer freundlichen Umgebung. Trotzdem gibt ihr Herr jedem von ihnen eine bestimmte Summe in Silber und erteilt ihnen den Auftrag: „Macht mit dem Geld Geschäfte, bis ich wiederkomme!”

Das Gericht Gottes am Hause Gottes

„Denn die Zeit ist gekommen, dass das Gericht bei dem Haus Gottes beginnt. Wenn es zuerst bei uns beginnt, was wird dann erst das Ende mit denen sein, die dem Evangelium Gottes nicht glauben?“

(1. Petrus 4,14)

Der Kontext legt uns nahe, dass die Kinder Gottes nicht tun und lassen können, was sie wollen, ohne Konsequenzen zu tragen. Gott richtet die Mitglieder seines Hauses. Dabei geht es nicht um ewige Verdammnis, sondern um unser Verhalten und unsere Beiträge im Herrschaftsbereich Gottes.

„Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Frau hat sich bereitet.  Und es wurde ihr gegeben, sich zu kleiden in Seide, glänzend und rein. – Die Seide aber ist das gerechte Tun der Heiligen.“  

(Offb. 19,7–8)

Die Gemeinde, die Braut Jesu, ist bei der Hochzeit mit einem weißen Kleid bekleidet. Dieses weiße Kleid ist nicht die gescheckte Gerechtigkeit, die Jesus uns durch seinen Erlösungstod am Kreuz schenkt und uns vor dem ewigen Getrenntsein von Gott bewahrt. Nein, das weiße Kleid sind die gerechten Taten der Heiligen, die sie im Leben vollbracht haben. Somit ist klar: Es ist nicht egal, wie wir leben oder was wir als Christen tun oder nicht tun. Es gibt Christen, die für ihren Glauben gelitten und gestorben sind, und andere, die zwar gläubig und errettet sind, sich aber nicht für ihren Glauben eingesetzt haben. Es ist wie beim Schächer am Kreuz, dem Jesus sagt, dass er heute noch mit ihm im Paradies sein wird: „Er selbst aber wird gerettet werden, doch so, wie durch Feuer hindurch“ (1 Kor 3,15 ). Er geht nackt ins Paradies. Das ist immer noch besser als die Hölle. Sein Leben lang war er womöglich ein Gauner. Und jetzt ist er ein durch Gnade erretteter Gauner. Er ist jedoch nicht der Gläubige, der sich „einen Schatz im Himmel gesammelt hat” (Mt 19,21).

Jesus sucht Mitregenten für sein Reich

Aus den vielen verstreuten Bibelstellen können wir schließen, dass Jesus mit seinem Regierungsprogramm begonnen hat, indem er uns erlöst, wiederherstellt und zu Königen und Priestern macht. Dieser Prozess läuft in unserem Leben ab und hat Auswirkungen bis in die Ewigkeit. Die unverdiente Gnade ist für uns der Anfang, während die gerechten Taten der Heiligen das Leistungszeugnis unseres Lebens sind.

Dass diese Wahrheit unter Christen keine Begeisterung findet, liegt wohl an einer Überbetonung unserer menschlichen Interessen und nicht am Heilsplan Gottes.

Obwohl die biblische Botschaft eindeutig ist, haben Jesus und die Apostel dieses Thema zwar aufgegriffen, aber nie abschließend erklärt. Viele Fragen bleiben offen und unbeantwortet.

 

Stefan Kuhn

Sag uns deine Meinung:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und dient nur zur Verifizierung.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}