Der Auftrag Jesu in einer sich veränderten Welt
Wir leben seit Tausenden von Jahren in einer Welt, die sich immer schneller verändert. Viele religiöse Menschen stehen Veränderungen negativ gegenüber. Aber Jesus selbst war eine der größten Veränderungen in der Antike. Bis heute. Wir können uns eine Welt mit römisch-griechischen Göttern und Göttermythen nicht mehr vorstellen.
Die Geisel mit der Jesus die Händler aus dem Tempel warf, kennzeichnet eine solche Veränderung in seiner Zeit, die wir unbedingt heute brauchen.
Die Tempelreinigung
„Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“
(Joh.2,14-16)
Veränderung vollzieht sich schleichend
Wenn wir uns selbst anschauen, dann sehe wir, wie sich unser Körper drastischen Veränderung unterzogen hat. Zunächst waren wir Babys, dann Teenager, dann haben wir gearbeitet und sind älter geworden. Darin ist nichts Anstößiges. Ich möchte jedoch die globale Entwicklung der letzten 100 Jahre betrachten. Vor 100 Jahren waren über 80 % unserer Gesellschaft in der Landwirtschaft beschäftigt. Heute sind es nur noch 4 %. Vor 100 Jahren produzierte die Menschheit Nahrungsmittel für maximal zwei Milliarde Menschen.
In den Sechzigerjahren schrieb der bekannte US-amerikanische Wissenschaftler Paul Ehrlich zusammen mit der wissenschaftlichen Elite das Buch „The Population Bomb“. Darin behauptete er, dass die Erde im 21. Jahrhundert maximal zwei Milliarden Menschen ernähren könne. Alles, was darüber liegt, werde durch Kriege dezimiert werden. Eine sehr pessimistische Zukunftsvision, mit der wir aufgewachsen sind. Obschon mittlerweile mehr als acht Milliarden Menschen auf der Erde leben, gibt es genug zu essen.
Was ist passiert? Es hat eine enorme technologische Entwicklung gegeben. In der Landwirtschaft wurden viele Maschinen erfunden, die das Leben der Bauern wesentlich effizienter machten. Immer mehr Menschen werden von einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ernährt. Es hat Wissenschaftler gegeben, wie George Washington Carver, der die Fruchtbarkeit, der Böden, den Ertrag, der Pflanzen, um ein Vielfaches gesteigert hat. Auf der gleichen landwirtschaftlichen Fläche wie in den siebziger Jahren werden heute wesentlich größere Erträge erwirtschaftet. Die Wohnsituation von 90 Prozent der Weltbevölkerung hat sich enorm verändert. Vor 100 Jahren war es bei uns normal, in einem Haus mit Plumpsklo zu leben. Es gab kaum Bäder oder Badewannen. Es gab keine Zentralheizung, wie wir sie heute kennen, und wir können uns nicht vorstellen, in die damalige Zeit zurückzugehen. Die Mobilität mit Auto, Eisenbahn, Bus und Flugzeug hat sich enorm verändert. Die Menschen sind heute mobiler als je zuvor. Sie reisen mit diesen Mitteln um den ganzen Globus. Das wäre vor 100 Jahren nicht möglich gewesen. Die Sozialsysteme, die uns selbstverständlich tragen und sehr hilfreich sind, wie Gesundheitseinrichtungen, Altersheime, aber auch die Altersrente, die Sozialabsicherung, das Arbeitslosengeld usw., sind heute aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken.
Negative Auswirkungen dieser Entwicklungen
Es liegt auf der Hand, dass solche Entwicklungen nicht immer nur positiv sind. Auch im kriegerischen Bereich gab es eine Weiterentwicklung zum industriellen Krieg mit Massenvernichtungswaffen. Krieg ist jedoch immer der falsche Weg, um Konflikte zu bewältigen.
Die technologische Entwicklung, speziell die Industrialisierung, hat eine Vielzahl von Problemen mit sich gebracht, die uns heute Sorgen bereiten. Dazu gehören der Anstieg von CO₂ in der Atmosphäre und das Abschmelzen der Polkappen. Der Anstieg des Wasserspiegels der Weltmeere und so weiter. Viele dieser Probleme haben wir heute nicht im Griff, was eine Herausforderung für die kommenden Generationen darstellt.
Wir wissen auch nicht, wie die KI unser persönliches Leben verändern wird. Wie viele Jobs werden kannibalisiert werden? Wir stehen wahrscheinlich vor einer ähnlichen Herausforderung und Veränderung wie vor 100 Jahren, als noch 80 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt waren – sei es als selbständige Bauern oder abhängige Dienstboten und Landarbeiter, sei es als Vollbauern oder als Kleinbauern.
Das religiöse Empfinden verändert sich drastisch
Kommen wir nun auf ein Thema zu sprechen, das uns als Kirche, Gemeinde und religiöse Gemeinschaft betrifft. Vor 100 Jahren ging noch der Großteil unserer Bevölkerung in die Kirche und besuchten die Messe. Die meisten glaubten an Gott. Dann kam der Kommunismus, der Sozialismus und die Aufklärung. Durch die Wissenschaft hat der naive Glaube in der Gesellschaft drastisch abgenommen.
Dennoch sehen wir heute eine Veränderung: Ein Großteil der jungen Bevölkerung glaubt wieder an Gott. Sie besuchen keine Messe und keine Gottesdienste, dennoch ist für den Großteil von ihnen klar, dass es einen Gott gibt und dass wir zu Gott beten können. Insofern müssen wir uns mit einem Thema auseinandersetzen, das wir gerne ausblenden, weil wir meinen, früher sei alles besser gewesen. Früher haben religiöse Menschen Kathedralen, Kirchen, Tempel, Klöster gebaut. Das ist inzwischen fast zum Stillstand gekommen und viele religiöse Einrichtungen sind obsolet geworden.
Und hier stellt sich eine neue Herausforderung für uns und die kommenden Generationen. Wenn wir versuchen, alte Systeme wiederherzustellen, werden wir scheitern. Die Menschen von heute suchen nicht mehr die Institutionen, nicht mehr die Tempel, Kirchen und Kathedralen, um ihren Glauben zu leben. Sie suchen eine Beziehung zum mystischen Gott und zu ihren Mitmenschen.
Die heutige Gesellschaft leidet unter Beziehungslosigkeit. Je mehr Zeit wir in digitalen Medien verbringen, desto einsamer werden die Menschen. Deshalb suchen sie nach Gemeinschaft, nach Gemeinschaft mit Gott und nach Gemeinschaft untereinander. Sie suchen nach Hilfen, um ihr Leben besser meistern zu können. Im Zentrum steht dabei die Familie, die in unserer Gesellschaft sehr leidet. Wir haben die Fähigkeit verloren, Konflikte miteinander auszutragen und langlebige Familiengemeinschaften zu bilden. Diese Herausforderung wird uns in die nächsten Generationen hinein begleiten und darüber entscheiden, ob wir erfolgreich sind oder nicht.
Eine weitere Herausforderung ist der demografische Wandel mit drastischem Rückgang der lokalen Bevölkerung, Überalterung und Migration. All dies zählt zu den größten gesellschaftlichen Zerreisproben unserer Zeit.
Ich sehe den Verfall religiöser, etablierter Gemeinschaften – nicht nur im Westen und nicht nur im Christentum – als riesige Chance, ein neues Lebensverständnis hervorzurufen.
Wir können beobachten, dass Länder wie die Islamische Republik Iran zunehmend christlich werden. Ähnliche Tendenzen sind im Heimatland Mohammeds, Saudi-Arabien, zu beobachten. Durch ihre Bildung an Universitäten entwickeln junge Menschen dort eine immer neutralere Sicht und sind nicht mehr so gefährdet durch eine fanatische Islamisierung.
Das bedeutet, dass sich die Welt in religiösen Fragen verändert. Wie wird die Menschheit in 100 Jahren ticken? Ich weiß es nicht, aber eines ist sicher – wir werden keine Multiplikation alter religiöser Systeme erleben, die sich aufgebraucht haben und der Entwicklung des menschlichen Geistes zuwider waren.
Ein neues Selbstverständnis im Christentum
Meine These lautet: Wir müssen als Kirche den Wandel wagen, ohne den Anspruch zu erheben, dabei keine Fehler machen zu dürfen. Nur wer bereit ist, Fehler zu machen, kann die Welt verändern. Abraham war feige, David war geil, Mose ein Mörder, Petrus ein Großmaul und Paulus ein Verfolger der Christen. Ihre Fehler werden in der Bibel genauso schonungslos wiedergegeben wie ihre Heldentaten und sind für uns ein Potenzial zur Fehlervermeidung. Neue Glaubensschritte zu gehen, bedeutet immer auch, ein Risiko einzugehen. Erfolg wird nicht daran gemessen, wie perfekt du gewesen bist, sondern daran, ob du bereit bist, neue Wege zu gehen.
Ein neues Selbstverständnis im Christentum rückt den persönlichen Glauben an Jesus, die Relevanz der Bibel sowie eine aktive Rolle in der Gesellschaft in den Vordergrund und betont die Institution Kirche weniger. Es geht um eine „neue transversale Kirche als Volk Gottes”, die sich durch Gemeinschaft, Dialog und politische Verantwortung auszeichnet.
Kernpunkte dieser Entwicklung können sein:
- Weg von der Institution, hin zum lebendigen Glauben.
- Christsein wird zunehmend als persönliche, politische und gesellschaftliche Verantwortung
- verstanden.
- Eine Abnahme des abgehobenen Expertentums (Pastoren, Priester, Geistliche usw.).
- Es braucht einen ehrlichen und respektvollen Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft.
- Wir müssen eine Sprache sprechen, die Menschen heute verstehen und begeistern.
- Altes, Gewohntes, Etabliertes wird als Hindernis für das Neue verstanden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das neue Selbstverständnis ein Christentum hervorbringen wird, das sich mutiger, fröhlicher und stärker in die Welt einbringt, anstatt sich ausschließlich in internen Strukturen zu verlieren.
Stefan Kuhn
