
Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich gebeten, einer jungen
Frau namens Brenda zu helfen, die von ihrem Onkel sexuell missbraucht worden
war. Obwohl sie zweifellos das unschuldige Opfer eines ganz niederträchtigen
Mannes war, schien ihr Leid zumindest teilweise von ihr selbst vervielfacht zu
werden. Sie wollte und konnte nicht genügend innere Starke aufbringen, um zu
vergeben.
Sie hatte jahrelang geschwiegen, aus Angst, bloßgestellt zu
werden, auch wegen ihres Alkoholismus, den ihr Onkel unterstützte, indem er ihr
jeden Tag Wodka schenkte. Jetzt wandte sich Brenda voller Verzweiflung an mich.
Ihr war intensive psychotherapeutische Behandlung angeboten worden, und sie
hatte jeden materiellen Komfort, den man sich wünschen kann. Sie hatte einen
guten Job und einen großen Freundeskreis, der sie unterstützte. Man hatte
wirklich versucht, sie wieder auf die Beine zu stellen. Trotzdem schwankten
ihre Stimmungen extrem: mal lachte sie aufgeregt, dann wieder weinte sie
bitterlich. Einen Tag stopfte sie sich mit Essen voll, und am nächsten Tag
fastete sie und nahm Abführmittel. Und sie trank — Flasche um Flasche.
Brenda war vielleicht einer der schwierigsten Menschen denen ich jemals zu helfen versucht habe. Ich war unglaublich vorsichtig, ihr nicht auch nur einen Augenblick das Gefühl zu geben, sie trage irgendeine Schuld an dem, was passiert war, aber es war mir völlig klar, dass nur sie allein den Heilungsprozess einleiten konnte. Wenn sie es nicht lernte ihrem Onkel, der sie missbraucht hatte, zu vergeben, wird sie sein Opfer bleiben.
Das bedeutet nicht, die Opfer vergessen oder stillschweigend das Unrecht verdrängen — wahrscheinlich bedeutet es auch nicht, dem früheren Täter von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Aber es bedeutet, eine bewusste Entscheidung zu treffen: dass man den Hass aufgeben möchte, weil Hass niemals weiterhelfen kann. Hass kann sich nur wie ein Krebsgeschwür in einem Menschen ausbreiten, bis er ihn schließlich ganz zerstört hat.
Wer vergibt, beweist Stärke.
Vergebung befreit uns von unserer Vergangenheit, indem wir alles Böse überwinden. Es kann sowohl den Menschen heilen, der vergibt, wie auch den Menschen, dem vergeben wird. Tatsächlich könnte Vergebung die ganze Welt verändern, wenn wir es nur zuließen, dass uns diese Kraft ungehindert durchdringt.
Aber wie oft stehen wir dem Vergeben im Weg und wagen nicht, dieser Kraft freien Lauf zu lassen? Wir halten die Schlüssel zur Vergebung in unseren Händen, und wir müssen entscheiden, ob wir sie benutzen wollen oder nicht.
J.Christoph Arnold
(Ein Auszug aus dem Buch von J.Christoph Arnold, „Wer vergibt heilt auch sich selbst, erschienen im Herder Verlag ISBN 3-451-04702-0)