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Evan­ge­li­ka­le Frei­kir­che­ne er­obern Bra­si­li­en


Der Got­tes­di­enst star­tet mit dem Kon­zert ei­ner Band, die Pop­mu­sik spielt und da­zu re­li­giö­se Tex­te singt: «Auch wenn mich die gro­ßen Wel­len ver­sch­lin­gen wol­len, auch wenn die Win­de bla­sen und mich das Ge­wit­ter er­reicht, ich wer­de kei­ne Angst ha­ben. Mein Le­ben sei dir ge­weiht, mein Herr und Ret­ter.» Auf ei­nen gro­ßem Bild­schirm wer­den Vi­deo­c­lips pro­ji­ziert: Je­mand steht auf ei­ner Klip­pe und brei­tet die Ar­me aus, un­ter ihm das to­sen­de Meer, über ihm sich ja­gen­de Wol­ken. Im Pu­b­li­kum las­sen vie­le mit ge­sch­los­se­nen Au­gen die Ar­me krei­sen, ihr Ge­sicht ein Spie­gel der Glück­se­lig­keit. Die Tan­zen­den und Sin­gen­den sind fast al­le zwi­schen 20 und 30, ein Mann trägt Igel­fri­sur und le­der­nes Puls­band, ei­ne jun­ge Frau Strümp­fe, Fla­men­co-Pumps und ei­nen hal­blan­gen Je­ans­rock. Die bei­den rhyth­misch klat­schen­den Pas­to­ren auf der Büh­ne tra­gen wei­ße Turn­schu­he. Man wähn­te sich in ei­ner Dis­co, wür­de nicht nach je­dem Stück je­mand aus vol­ler Keh­le «Hal­le­lu­ja!» sch­rei­en.


Im größ­ten ka­tho­li­schen Land der Er­de er­lebt die ka­tho­li­sche Kir­che ei­nen Ader­lass an Gläu­bi­gen. Ei­ner Stu­die des pri­va­ten Zen­trums für re­li­giö­se Sta­tis­tik und so­zia­le For­schung zu­fol­ge ha­ben sich wäh­rend der letz­ten 10 Jah­re mehr als 15 Mil­lio­nen Men­schen vom Ka­tho­li­zis­mus ab­ge­wandt. Da­von sind 70 Pro­zent ei­ner evan­ge­li­ka­len Frei­kir­che bei­ge­t­re­ten. Ge­hör­ten im Jah­re 1999 knapp 10 Pro­zent der bra­si­lia­ni­schen Ge­samt­be­völ­ke­rung die­ser Glau­bens­rich­tung an, sind es heu­te rund 25 Pro­zent. Un­ter den 15- bis 29-Jäh­ri­gen be­kun­det je­der Fünf­te Sym­pa­thi­en für evan­ge­li­ka­le Dog­men, in de­ren Zen­trum der se­gens­rei­che, ret­ten­de Ein­fluss des Hei­li­gen Geis­tes steht. Die ri­tua­li­sier­te, oft et­was mü­de wir­ken­de Fei­er­lich­keit der ka­tho­li­schen Li­tur­gie mit ih­rer al­ter­tü­meln­den Spra­che ha­ben die Evan­ge­li­ka­len durch ju­gend­li­che Spon­tanei­tät er­setzt, durch Pop­mu­sik, ge­mein­sa­mes Sin­gen und Tan­zen, durch Slang-Aus­drü­cke. Der in­ter­na­tio­nal be­kann­tes­te Ka­tho­lik Bra­si­li­ens, der Be­f­rei­ungs­theo­lo­ge Leo­nar­do Boff, sag­te kürz­lich ge­gen­über ei­ner Zei­tung, die ka­tho­li­sche Kir­che sei sel­ber schuld an ih­rem Nie­der­gang. «Im­mer mehr Leu­te su­chen ei­nen ein­fa­chen, un­mit­tel­ba­ren, emo­tio­na­len Zu­gang zu Gott, und den fin­den sie bei den Evan­ge­li­ka­len.»


Die ers­ten evan­ge­li­ka­len Grup­pie­run­gen ent­stan­den zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts un­ter dem Ein­fluss von Pre­di­gern aus den USA, die jün­ge­ren Frei­kir­chen ha­ben Bra­si­lia­ner ge­grün­det, nach­dem sie ihr Ta­lent zum re­li­giö­sen An­füh­rer ent­deckt hat­ten – und die Leich­tig­keit, mit der sich da­mit Un­sum­men ver­die­nen las­sen. Die 23-jäh­ri­ge Da­nie­la Araújo beteu­ert, sie ha­be sich bei Bo­la de Ne­ve schon am ers­ten Tag wohl­ge­fühlt wie in ei­ner Fa­mi­lie, trotz ih­res un­e­he­lich ge­bo­re­nen Kin­des. «Nie­mand hat mir Vor­wür­fe ge­macht, weil ich Sex hat­te, oh­ne ver­hei­ra­tet zu sein. Heu­te ha­be ich mei­nen Feh­ler ein­ge­se­hen. Je­sus hat mir ver­zie­hen.» Auch dies ist be­zeich­nend für vie­le evan­ge­li­ka­le Ge­mein­den: Sie un­ter­wer­fen ih­re Mit­g­lie­der nicht star­ren Re­geln, son­dern brin­gen sie da­zu, sich sel­ber den Gepf­lo­gen­hei­ten der Grup­pe an­zu­pas­sen und de­ren Ver­bo­te – al­len voran au­ßer­e­he­li­cher Sex und Dro­gen­kon­sum – zu ver­in­ner­li­chen.


Für den fran­zö­si­schen Latei­na­me­ri­ka-Spe­zia­lis­ten Je­an-Pier­re Bas­ti­an ist die Evan­ge­li­ka­li­sie­rung Bra­si­li­ens und an­de­rer latei­na­me­ri­ka­ni­scher Län­der der wich­tigs­te re­li­giö­se Vor­gang seit der Mis­sio­nie­rung der Ein­ge­bo­re­nen durch die eu­ro­päi­schen Er­obe­rer im 16. Jahr­hun­dert. Wel­che po­li­ti­sche Macht die Evan­ge­li­ka­len mitt­ler­wei­le aus­ü­ben, zeig­te sich bei den letz­ten Wah­len im Ok­tober 2010. Dass die heu­ti­ge Staats­che­fin Dil­ma Rous­seff in ei­nen Sti­ch­ent­scheid muss­te, lag vor al­lem an ei­ner Kam­pag­ne der Evan­ge­li­ka­len: Sie be­haup­te­ten, Rous­seff wol­le die Ab­t­rei­bung le­ga­li­sie­ren, und emp­fah­len dem Stimm­volk die grü­ne Kan­di­da­tin Ma­ri­na Sil­va, die als Mit­g­lied der Grup­pie­rung As­sem­bléia de De­us (Ver­samm­lung Got­tes) ei­ne ra­di­ka­le Geg­ne­rin des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs ist.


Im Par­la­ment ha­ben sich 63 evan­ge­li­ka­le Ab­ge­ord­ne­te und drei Se­na­to­ren zu ei­ner über­par­tei­li­chen Frak­ti­on zu­sam­men­ge­sch­los­sen. Der vor kur­zem ver­s­tor­be­ne Ex-Vi­ze­prä­si­dent José Alen­car ge­hör­te zur Ig­re­ja Uni­ver­sal do Rei­no de De­us (Uni­ver­sal­kir­che des Reichs Got­tes), mit 5,2 Mil­lio­nen An­hän­gern die zweit­größ­te evan­ge­li­ka­le Frei­kir­che des Lan­des.
Evan­ge­li­ka­le Par­la­men­ta­ri­er kämp­fen für tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en­wer­te, ge­gen Ab­t­rei­bung und Ho­mose­xu­el­le­n­e­hen. Vor al­lem aber drän­gen sie in die Kom­mis­sio­nen, die Fre­qu­en­zen für Ra­dio- und Fern­seh­ka­nä­le ver­ge­ben. Die Uni­ver­sal­kir­che et­wa be­sitzt ein gan­zes Me­dien­im­pe­ri­um, mit dem lan­des­weit zweit­größ­ten Fern­seh­netz­werk Re­cord als Prunk­stück. Ihr Be­grün­der, der zum Multi­mil­lio­när und Gross­un­ter­neh­mer auf­ge­s­tie­ge­ne Edir Mace­do. Ge­gen­wär­tig lässt Mace­do in São Pau­lo den Tem­pel Sa­lo­mons bau­en – ein Got­tes­haus mit Platz für 10’000 Gläu­bi­ge:
 
Das Ko­ket­tie­ren mit dem Bö­sen, das ein­zig der Hei­li­ge Geist über­win­den kön­ne, hat ei­nen ei­ge­nen Ty­pus des evan­ge­li­ka­len Pa­s­tors her­vor­ge­bracht: der zum Gu­ten kon­ver­tier­te ehe­ma­li­ge Ver­b­re­cher. Schät­zun­gen zu­fol­ge gibt es da­von al­lein in São Pau­lo meh­re­re Tau­send, ei­ner von ih­nen nennt sich Pas­tor Bang Bang. Er­sch­re­ckend ist die kri­mi­nel­le Kar­rie­re von Al­di­du­di­ma Sal­les: 26 Mor­de und 15 Bank­über­fäl­le hat er be­gan­gen, doch man ent­ließ ihn nach 10 Jah­ren Ge­fäng­nis we­gen gu­ter Füh­rung. Heu­te nennt er sich Pas­tor Sal­les.


Die­ser Ar­ti­kel ist in der Ta­ges­zei­tung „Der Bun­d“ vom 9. Ja­nuar 2012 er­schie­nen und wird hier ge­kürzt wie­der­ge­ge­ben.

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