Die Geschichte von Fürst Schamil

Im 19. Jahrhundert lebte in Dagestan und Tschetschenien ein bekannter Fürst namens Schamil. Er führte einen erfolgreichen Befreiungskrieg gegen die Russen und regierte ein kleines Bergvolk. Er galt als unbestechlich, gerecht und sehr klug. Seine streitbare Mutter, die ihn auf seinen Kriegszügen oft begleitete, liebte er innig.

Eines Tages wurde Schamil gemeldet, dass wichtige Geheimnisse an den Feind verraten worden seien. Der Täter blieb unentdeckt. Dieser Vorfall wiederholte sich. Schamil verfügte, dass der Verräter mit neunundneunzig Peitschenhieben auf nacktem Rücken bestraft werden würde.

Eines Tages wurde ihm gemeldet, dass der Täter entdeckt sei. Es war seine geliebte Mutter. Drei Tage ging Schamil mit sich zu Rate. Gerechtigkeit und Liebe stritten miteinander in seinem Herzen. Beiden musste er genügen, aber wie? Schließlich wurde die Mutter in Fesseln vorgeführt, um die neunundneunzig Peitschenhiebe zu empfangen. Schamil wusste, dass seine Mutter das nicht überleben würde. Als der Henker die Hand zum ersten Schlag erhob, sprang Schamil vor, legte seinen Mantel ab, und sprach:

„Schlagt mich, ich trage ihre Strafe!“ Und weiter sagte er zum Henker, “ich köpfe dich, wenn ich merke, dass die Hiebe nicht mit voller Kraft verabreicht werden.“ So erhielt Schamil die neunundneunzig Hiebe.

Blutüberströmt lag er auf den Stufen der Stadt Dago, seine Haut in Fetzen zerrissen, aber kein Laut drang über seine Lippen. Entsetzt sah die Menge zu, die Gesichter seiner Krieger waren aschfahl.

So tat er der Gerechtigkeit und der Liebe genüge und empfing stellvertretend die Strafe seiner Mutter.

 

Die Sünde verlangt nach Sühne, die Liebe verlangt nach Vergebung. In der Stellvertretung Christi am Kreuz ist beides vereint. Gottes Gerechtigkeit ist nicht außer Kraft gesetzt, aber seine Liebe ist umso deutlicher hervorgetreten.

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, damit jeder der an ihm glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“  Johannes 3,16

 

 

SK

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